Gedankenpost: Toleranz lernen

Toleranz lernen

Fotocredits: Chris Wunderlich

Er nimmt das Geschäftstelefon nicht mit seinem richtigen Namen ab.
„Die Leute haben kein Vertrauen“, hat sein Chef ihm gesagt. Kein Vertrauen, weil er den falschen Namen hat. Weil er den falschen Namen hat?

Sie sagen ihr, dass sie sie nicht einstellen können.
Nicht unter diesen Bedingungen. Sie muss ihr Kopftuch schon zu Hause lassen.
„Die Patienten haben sonst Angst“, haben sie ihr gesagt. Angst, weil sie ein Kopftuch trägt. Weil sie ein Kopftuch trägt?

Sie schreien ihm Beleidigungen zu. Beleidigungen, die nichts mit seinem Können zu tun haben, die nicht von seiner Leistung abhängen.
„Du hast das selbst verschuldet“, sagen sie. Selbst verschuldet, rassistischen Beleidigungen ausgesetzt zu sein. Selbst verschuldet?

Ich wünschte, ich hätte die oben genannten Beispiele erfunden. Ich wünschte, dass mein Freund nicht jemanden kennen würde, der das Telefon mit einem fremden Namen abnimmt, weil man ihm gesagt hat, dass das so richtig ist. Ich wünschte, dass das Unternehmen, in dem ich arbeite – gerne arbeite – nicht jemanden nicht eingestellt hätte, weil wir eine Anti-Kopftuchbedeckung-Regelung führen.

Ich wünschte, dass wir nicht darüber diskutieren müssten, ob wir Menschen, die auf offener See ertrinken, retten oder nicht. (Artikel “Der Untergang”: hier)

Ich wünschte, dass wir nicht darüber diskutieren müssten, ob Rassismus ok ist.

“Wenn ich in ein Land auswandern würde, dann würde ich mich auch deren kultureller Bedingungen anpassen.” A-H-A. Denke ich. Und frage mich, warum die halbe Insel Mallorca dann Deutsch spricht. Doch abgesehen davon frage ich mich, inwieweit es in Ordnung ist, von einem Menschen zu verlangen, die Wurzeln, die ihn bis anhin begleitet haben, zu verbergen. Und warum es nötig ist. (Artikel “Wenn alle Grenzen offen wären…”: hier)

“Wenn sich jemand nicht benehmen kann, dann soll er eben gehen.” Ja, finde ich auch. Aber unabhängig von Nationalität, Ethnie, Religion und Hautfarbe. Wenn sich jemand nicht benehmen kann, dann soll er dafür die Strafe erhalten, die das Gesetz vorgibt. Egal, woher er kommt und welche Sprache er spricht. Egal, welchen Namen er trägt und ob mit Kopftuch oder ohne. Denn wenn sich jemand nicht benehmen kann – das spricht von einem Fehlverhalten. Nicht von einer Fehl-Herkunft. Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

“Das sind alles Kriminelle.” Wenn man sich Kriminalitätsraten einmal anschaut, dann ist es recht einfach. Am meisten Delikte werden in den unteren Sozialschichten durchgeführt. Die Frage ist eher, warum Menschen aus fremden Ländern so oft schlechten Sozialschichten angehören. Und was wir tun können, damit es den Menschen unseres Landes besser geht und wie wir die Integration verbessern.  (Artikel: “Warum Kriminalität tendenziell ein schichtspezifisches Problem ist”: hier)

Rassismus ist nicht okay. Oder um es in den Worten von Mesut Özil zu sagen:
“Racism should never, ever be excepted.” (Twitter Profil von Mesut Özil: hier).

 

Toleranz lernen

Und Toleranz? Toleranz muss man offenbar lernen. Ins Gespräch gehen, nachfragen, verstehen-versuchen. Toleranz ist schwierig. Eine tägliche Aufgabe. Ein Sich-Zeit-Nehmen in einer Generation, in der wenig Zeit da ist.

Was ich mir wünsche? Einen offenen Diskurs und Reflexion. Immer wieder. Die eigenen Gedanken überprüfen, Ängste relativieren, sich selbst an der Nase nehmen.

Um tolerant zu sein, bedarf es immer wieder Gespräche, es bedarf den Mut, Fragen zu stellen und die Kraft, eigene Haltungen als – Entschuldigung – völligen Mist zu identifizieren. Es bedarf Toleranz sich selbst gegenüber und eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Herkunft.

Und dennoch – gerade weil es ein langer Weg zur Toleranz ist – sollten wir damit anfangen und die ersten Schritte gehen.
Wir können auch ganz klein anfangen – und einfach aufhören, darüber zu sprechen, Menschen ertrinken zu lassen.

Vielleicht nimmt der Freund meines Freundes das Telefon dann irgendwann mit seinem richtigen Namen ab. Und vielleicht fühlt er sich sogar stolz dabei.

Werden wir zu besseren Menschen oder belassen wir es dabei, unseren irrationalen Ängsten zu unterliegen?

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1 Kommentar

  1. Ich finde Toleranz auch ein sehr wichtiges Thema und ich finde das es schon sehr viel besser geworden ist, als vor ein paar Jahren, wie ich das mitbekomme. Das kann bei jedem anders sein, je nachdem mit welchen Leuten man Kontakt hat. In meinem Freundeskreis ist von Rassismus bzw Untoleranz nichts mehr zu sehen. Ich finde es allerdings kritisch die Rassismus Frage an jemandem auszudiskutieren, der in England wohnt und Millionen verdient, aber das ist ein anderes Thema.
    Liebe Grüße
    Luisa von https://www.allaboutluisa.com/

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