#selflove – der Untergang des Miteinanders?

Selflove

“Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht”, sagt er und grinst sie verschmitzt an. Sie lächelt zurück – automatisch, weil er es in dieser scherzhaften Art sagt und weil er charmant ist und weil sie im ersten Moment zustimmt.

Abends im Bett liegt sie still da, und ihre Gedanken kreisen. Um den Tag, um ihre Patienten und um die Liste an Dingen, die sie morgen abarbeiten muss. Und dann ist er da – dieser Satz, in ihren Gedanken.

“Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht.”

Ihre Gedanken hängen noch irgendwo zwischen ihrer To-Do-List, ihrem Patienten, den sie heute nicht ausreichend unterstützen konnte und diesem Satz, und dieses Mal lächelt sie nicht – nicht einmal ein bisschen. Sie liegt wach und obwohl sie nun einschlafen möchte, kann sie nicht.

Wenn jeder an sich selber denkt – doch was ist, wenn das nicht ausreicht? Was ist mit den Menschen, die das nicht schaffen? Wenn jeder an sich selber denkt – wer denkt dann noch an ein Miteinander?

 

Selbstliebe
Fotocredits: @Christian Wunderlich

#selflove:

In der letzten Zeit hat der Hashtag #selflove auf Instagram nicht nur dazu geführt, dass ich genervt die Augen verdreht habe, weil ich es einfach nicht mehr hören kann, sondern er führte vor allem auch zu gemischten Gefühlen. Nicht, weil ich Selbstliebe nicht für essentiell halte. Im Gegenteil. Ich arbeite seit fast acht Jahren in der Pflege und davon seit sieben Jahren in der psychiatrischen Pflege. Ich bin sogar ganz sicher, dass Probleme mit dem Selbstwert sehr oft Ursache von grossem Leiden sind. Sich selbst gegenüber freundlich zu sein, sich selbst mit einem inneren-Lächeln anschauen, sich selbst verzeihen – das sind alles Themen, die ich als unterstützenswert erachte und damit auch als wichtig.

Doch irgendwann in den letzten Jahren ist aus Selbstliebe immer mehr Selbstdarstellung geworden und aus Selbstdarstellung irgendwie auch Egomanie.

Und ich weiss nicht, ob es in einer Welt, in der Erfolg eine grössere Rolle spielt als Fürsorge, wirklich noch mehr Selbstliebe braucht.

Für dich selbst sorgen:

“Am Ende des Tages kommt keiner zu dir und fragt dich, wie es dir geht. Also musst du selbst für dich sorgen.”

Das ist ein Satz, den ich selbst schon mehrfach gesagt habe. Ein Ratschlag, den ich Freunden gebe. Und Ratschläge sind immer auch Schläge, das weiss ich. Und dieser hier – das ist die Faust in meinem eigenen Magen.

Weil es so nicht sein sollte. Weil am Ende das Tages jemand fragen sollte: “Wie geht es dir?” Weil wir einander zuhören sollten. Und einander zuhören – das bedingt eben auch, selbst einmal still zu sein. Sich selbst nicht in der Vordergrund zu drängen. Zurückzustecken – sich selbst für jemand anderen.

Schon meine Mama hat immer gesagt: “Wenn du jemanden liebst, musst du manchmal auch Kompromisse eingehen.” Kompromisse sind nicht sexy, sie sind nicht besonders feministisch oder kämpferisch und sehen vielleicht nach aussen auch nicht immer gut aus. Und doch sind sie oft der Leim zwischen zwei Menschen. Sich selbst einmal ein bisschen kleiner zu machen als den anderen – das gehört dazu, wenn wir den anderen schätzen. Und einander zu schätzen – das ist es, was wir immer mehr zu verlernen scheinen.

Der Untergang des Miteinanders:

“Am Ende des Tages kommt keiner zu dir und fragt dich, wie es dir geht. Also musst du selbst für dich sorgen.” Doch wenn wir alle nur noch selbst für uns sorgen, wer sorgt sich dann noch um die, die das nicht können? Wer denkt dann noch an ein Miteinander?

#selflove – Selbstliebe ist wichtig. Aber über sich selbst alle anderen zu vergessen, gefährlich. Im Moment scheinen wir in einer Welt zu leben, in der das aber immer häufiger passiert. In der jeder für sich selbst sorgen muss, weil sich keiner mehr für den anderen interessiert. Meine Patienten und Patientinnen erzählen mir das häufig. Dass sie versucht haben, sich Hilfe zu holen. Dass sie anderen von ihrem Leiden erzählt haben. Dass niemand zugehört hat. Dass niemand jemals hinsieht.
Dieses Bild malen auch immer mehr die Medien.

Wir leben auf einem Planeten, dessen Schicksal uns offensichtlich egal ist, solange es uns selbst gut geht. Mit Menschen, deren Leben uns nur dann als wichtig genug erscheint, wenn sie unser Leben bereichern.

#selflove – der Untergang des Miteinanders?

Am Ende sollten wir vielleicht mehr Zeit damit verbringen, Menschen zu lieben – die eigene Familie, Freunde, das Gegenüber, den Fremden und ja – auch uns selbst – und weniger damit, zu glauben, dass wir, solange wir uns selbst nicht ausreichend lieben, alleine da stehen.

Denn, um in den Worten von Albert Schweitzer zu enden:

Liebe ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Und um im Nachwort noch meinem Kollegen die Antwort zu geben, die er damals verdient hätte: “Wenn jeder an sein Gegenüber denkt, ist wirklich an alle gedacht.”

 

Selbstliebe

selflove

Wie geht es euch mit dem Hashtag #selflove? Und was denkt ihr zu dem Thema?

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2 Kommentare

  1. Ich unterschreibe dir den Satz “Doch irgendwann in den letzten Jahren ist aus Selbstliebe immer mehr Selbstdarstellung geworden und aus Selbstdarstellung irgendwie auch Egomanie.” sofort. Irgendwie geht es vermehrt in die falsche Richtung. Leider.

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